Potenziale brauchen mehr als Talent –
mein Rückblick auf den Internationalen Trainer-Kongress 2026 in Mainz
Drei Tage voller Impulse, Begegnungen und einer klaren Erkenntnis: Mentale Stärke gehört fest auf den Trainingsplatz
Stell dir vor, du hast eine Mannschaft voller Talent – doch in den entscheidenden Sekunden fehlen Vertrauen, Fokus und innere Sicherheit. Was nützt das größte Potenzial, wenn es unter Druck nicht abrufbar ist?
Genau diese Frage begleitete mich vom 27. bis 29. Juli 2026 beim Internationalen Trainer-Kongress in Mainz. Das Leitthema „Potenziale erkennen, entwickeln und nutzen“ hätte treffender kaum sein können. Denn Potenzial allein gewinnt noch kein Spiel. Der Schlüssel liegt darin, Menschen ganzheitlich zu entwickeln – körperlich, taktisch und mental.
Ich war an allen drei Kongresstagen als Projektleiter für den DBVS e.V. vor Ort. Neben den Vorträgen und persönlichen Begegnungen waren vor allem die mehr als 100 Gespräche mit interessierten Trainerinnen, Trainern und weiteren Fußballbegeisterten an unserem Infostand ein echtes Highlight. Diese Gespräche haben mir erneut gezeigt: Das Interesse an fundiertem Sportmentaltraining wächst – und der Bedarf ist enorm.
Körperliche und mentale Belastbarkeit gehören zusammen
Besonders bewegt hat mich die Vortragsreihe „Immer mit dem stärksten Team spielen“.
Prof. Dr. Andreas Schlumberger beleuchtete, was Trainerinnen und Trainer für Prävention und körperliche Belastbarkeit wirklich tun müssen. Für mich wurde dabei erneut deutlich: Leistungsfähigkeit entsteht nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch systematische Entwicklung, sinnvolle Belastungssteuerung und langfristiges Vertrauen in Prozesse.
Frank Wormuth (ehemaliger Chefausbilder DFB) richtete den Blick anschließend auf die mentale Arbeit mit Spielerinnen und Spielern.
Seine grundsätzliche Trennung der verschiedenen Aufgabenfelder war wichtig: Sportmentaltraining und Sportpsychologie sind nicht dasselbe.
Sie besitzen unterschiedliche Ziele, Kompetenzen und Verantwortungsbereiche.
Trainerinnen und Trainer können im Alltag mentale Impulse geben, Vertrauen fördern und ein leistungsstarkes Umfeld gestalten. Ein qualifizierter Sportmentaltrainer arbeitet gezielt an mentalen Fähigkeiten und begleitet Entwicklungsprozesse im Mannschafts- oder Einzeltraining. Sportpsychologinnen und Sportpsychologen bringen eine wissenschaftlich fundierte psychologische Expertise ein. Sobald klinische Themen wie Depressionen, Angststörungen oder Panikattacken auftreten, gehören diese in die Hände entsprechend qualifizierter psychologischer oder psychotherapeutischer Fachkräfte.
Diese Grenzen zu kennen, schafft Sicherheit – für die Spielerinnen und Spieler ebenso wie für das Trainerteam.
Wo ich deutlich widerspreche
Ein Punkt des Vortrags von Frank Wormuth blieb für mich jedoch zu oberflächlich und wurde aus meiner fachlichen Sicht problematisch dargestellt: die sinngemäße Empfehlung, für etwa 500 Euro abends online eine Ausbildung zum Sportmentaltrainer zu absolvieren bzw.
sich in dieser Form einen ersten Überblick zu verschaffen.
So einfach ist es nicht. Und so einfach darf es nicht sein.
Ein Wochenend- oder Kurzzeitkurs vermittelt nicht einmal annähernd die fachlichen, methodischen und praktischen Grundlagen, die für verantwortungsvolles Sportmentaltraining im Fußball notwendig sind. Eine gute, qualifizierte Ausbildung dauert – abhängig von Aufbau und Anspruch – mehrere Monate bis zu zwei Jahre. Sie umfasst nicht nur Methoden und „Tools“, sondern auch Selbsterfahrung, Kommunikation, Prozessbegleitung, Neurobiologie, Psychologie, Praxistransfer und die klare Abgrenzung zu therapeutischen Aufgaben.
Wir wissen ja: Ein Zertifikat macht noch keinen kompetenten Begleiter – genauso wenig wie ein Taktikbuch automatisch einen erfolgreichen Trainer hervorbringt.
Wer mit den Gedanken, Emotionen und inneren Blockaden anderer Menschen arbeitet, trägt Verantwortung. Gute Absichten reichen nicht. Es braucht fundiertes Wissen, Erfahrung und die Fähigkeit, die eigenen Grenzen zu erkennen.
Körpersprache zeigt, was im Inneren passiert
Ein weiterer starker Impuls kam von Prof. Dr. Geir Jordet. Sein englischsprachiger Vortrag „Body language in football: Psychological analyses of players’ behaviors in games“ lenkte den Fokus auf das sichtbare Verhalten von Spielerinnen und Spielern.
Körpersprache ist im Fußball niemals nur Dekoration. Haltung, Gestik, Blick und Reaktion senden Signale – an die Mitspieler, an den Gegner und an das eigene Gehirn. Für mich bestätigte der Vortrag: Mentale Prozesse bleiben nicht unsichtbar. Sie zeigen sich auf dem Platz, gerade unter Druck.
Genau hier kann qualifiziertes Sportmentaltraining ansetzen. Spielerinnen und Spieler lernen, ihre Reaktionen bewusster wahrzunehmen, ihre Aufmerksamkeit zu steuern und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Die Atmung ist dabei ein besonders wirkungsvoller Schlüssel: Sie beeinflusst Aktivierung, Fokus und Selbstregulation unmittelbar. Wer seinen Atem steuern kann, gewinnt leichter wieder Zugriff auf seine Stärke.
Entwicklung beginnt beim Menschen
Auch das von Michael Leopold moderierte Trainerinterview mit Norbert Elgert sowie die Podiumsdiskussion mit Sebastian Hoeneß, Marie-Louise Eta, Matthias Sammer und Florian Kohfeldt blieben mir in Erinnerung. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Trainer Potenziale erkennen, entwickeln und tatsächlich nutzbar machen können.
Für mich steckt darin eine klare Botschaft: Entwicklung lässt sich nicht erzwingen. Trainer können jedoch Bedingungen schaffen, in denen Menschen wachsen. Dazu gehören Vertrauen, ehrliche Kommunikation, individuelle Begleitung, fachliche Klarheit und der Mut, nicht nur das Verhalten auf dem Platz, sondern auch die inneren Prozesse dahinter wahrzunehmen.
Begegnungen, die bleiben
Zu den persönlichen Höhepunkten gehörten für mich die kurzen Begegnungen mit Matthias Sammer und Marie-Louise Eta. Solche Momente sind kurz – und doch bleiben sie hängen. Sie zeigen, wie wertvoll ein Kongress nicht nur wegen seines Programms, sondern auch wegen des direkten Austauschs ist.
Am stärksten wirkten für mich jedoch die mehr als 100 Gespräche am Infostand des DBVS e.V. Viele Trainerinnen und Trainer wollten wissen, wie mentale Stärke konkret trainiert werden kann. Nicht als Motivationsspruch in der Kabine, sondern als systematische Trainingsform – mit der Mannschaft und im Einzeltraining.
Diese Offenheit macht Mut. Der Fußball beginnt zu verstehen, dass mentale Stärke kein Luxus und kein Reparaturwerkzeug für Krisen ist. Sie ist eine trainierbare Leistungsvoraussetzung.
Mein Fazit
Der Internationale Trainer-Kongress 2026 hat mir eines sehr deutlich bestätigt: Sportmentaltraining wird im Fußball immer wichtiger. Doch mit dieser wachsenden Bedeutung steigt auch die Verantwortung, Qualität sichtbar zu machen.
Mentale Stärke entsteht nicht an einem Wochenende. Sie entwickelt sich Schritt für Schritt – durch fundiertes Training, regelmäßige Anwendung, ehrliche Reflexion und kompetente Begleitung.
Wenn wir das Potenzial von Spielerinnen, Spielern und Mannschaften wirklich erkennen, entwickeln und nutzen wollen, dürfen wir den mentalen Bereich nicht länger dem Zufall überlassen. Wir müssen ihn genauso professionell trainieren wie Technik, Taktik und Athletik.
Denn das stärkste Team steht nicht nur körperlich bereit. Es bleibt auch unter Druck klar, verbunden und handlungsfähig.
Wer Sportmentaltraining oder Atemkrafttraining (Atemkinetik) fundiert in die Arbeit mit einer Mannschaft oder einzelnen Sportlerinnen und Sportlern integrieren möchte, kann gerne mit mir Kontakt aufnehmen. Gemeinsam bringen wir mentale Stärke dorthin, wo sie wirkt: in das tägliche Training und in die entscheidenden Momente des Wettkampfs.